Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Siegel der Universität Heidelberg

Über die Fakultät

Kurzsteckbrief

Der Lehrkörper der Fakultät besteht (Stand 2016) aus 35 Professorinnen- und Professorenstellen und ca. 56 Mitgliedern des Wissenschaftlichen Dienstes. Von 1918 offiziellen Studierenden im WS 2016/17 studieren 1255 Mathematik, 582 Informatik und 81 Scientific Computing. 1295 haben das Studienziel Bachelor (100%), Master oder Diplom (auslaufend), 325 streben das Lehramt an Gymnasien (auslaufend) an, 197 studieren auf Bachelor (50%) und 76 promovieren. Die Fakultät wird geleitet vom Fakultätsvorstand und gliedert sich in die drei Institute

Das besondere Heidelberger Profil besteht

  • in der gebiets- und fächerübergreifenden Forschung mit den Forschungsschwerpunkten Arithmetik und Wissenschaftliches Rechnen (Beteiligung am IWR)
  • in der angewandten Informatik
  • In einer fundierten theoretischen und praxisorientierten Ausbildung auf Grund eines spezifischen Lehr- und Forschungsangebots in den klassischen Bereichen der Mathematik, dem Wissenschaftlichen Rechnen und der angewandten Informatik.

Forschung und Lehre

Die Ausbildung der Studierenden an der Fakultät ist stark forschungs-orientiert. Die Forschungsaktivitäten der Fakultät sind gekennzeichnet durch eine für mathematische Fakultäten überdurchschnittliche Drittmitteleinwerbung. Dazu zählen erfolgreiche Anträge auf die DFG-Forschergruppen Topologie und nichtkommutative Geometrie (1992-1998), Arithmetik (1998-2005) und Symmetrie, Geometrie und Arithmetik (seit 2013) ebenso wie die DFG-Sonderforschungsbereiche SFB 123 Stochastische Mathematische Modelle (1977-1992) und SFB 359 Reaktive Strömungen, Diffusion und Transport (1993-2004), die Graduiertenkollegs Modellierung und wissenschaftliches Rechnen in Mathematik und Naturwissenschaften (1992-2001) und weiterhin Komplexe Prozesse: Modellierung, Simulation und Optimierung (2002-2009), sowie die im Rahmen der Exzellenzinitiative erfolgreich eingeworbene Heidelberg Graduate School of Mathematical and Computational Methods for the Sciences am IWR mit wesentlicher Beteilung von Mitgliedern der Fakultät. Zahlreiche Kooperationen gibt es darüber hinaus unter dem Dach interdisziplinärer Projekte anderer Fakultäten. Im Jahr 2007 wurde das MAThematics Center Heidelberg (MATCH) (siehe Logo) neu eingerichtet mit dem Ziel Kooperationen innerhalb der mathematischen Disziplinen sowie mit den Anwendungen zu fördern.

Nach einem Rückgang der Studierendenzahlen in den neunziger Jahren ist in den letzten zehn Jahren wieder ein erfreulicher Zuwachs zu verzeichnen gewesen. Auch bei der gegenwärtigen Arbeitsmarktlage scheinen die fertig ausgebildeten Mathematiker_innen gute Chancen zu haben, adäquate Arbeitsmöglichkeiten zu finden. Die Ausbildung der Studierenden in der Mathematik, an der das Mathematische Institut und das Institut für Angewandte Mathematik gleichermaßen beteiligt sind, war traditionell auf den Diplomabschluss und auf das Lehramt für Gymnasien ausgerichtet. Im Wintersemester 2008 ist der frühere Diplom-Studiengang Mathematik durch einen Bachelor- und Master-Studiengang abgelöst worden. In Fach Informatik gibt es diesen in Heidelberg schon etwas länger. Der Lehramtsabschluss in Mathematik hat in jüngster Zeit wieder stark an Bedeutung gewonnen. Im Zuge des sich verändernden und wandelnden Wahrnehmungsbildes der Mathematik im beruflichen Umfeld ist außerdem der Anteil der weiblichen Studierenden in den letzten zwanzig Jahren stetig gewachsen. Der Anteil weiblicher Studiernder bei den Promotionen ist in den letzten zehn Jahren ebenfalls angestiegen. Signifikant und bemerkenswert ist im übrigen der überdurchschnittlich hohe Anteil von Habilitierten aus dem Fachbereich Mathematik, die nach ihrer Habilitation einen Ruf auf eine Professur an eine auswärtige Universität erhalten haben. Die hiesige Mathematik hat dadurch einen durchaus nennenswerten Einfluss auf die Genealogie des universitären wissenschaftlichen Nachwuchses.

Die Fakultät für Mathematik und Informatik verfügt über vielfältige Kontakte zu wissenschaftlichen Institutionen in der ganzen Welt, so z.B. in Frankreich, England, USA, Mexiko, Brasilien, Russland, Indien, Japan, Vietnam und China. Eine besonders enge Zusammenarbeit gibt es seit mehreren Jahren mit dem Mathematischen Institut der Universität Prag. Diese internationale Zusammenarbeit vollzieht sich u.a. durch den Austausch von Doktoranden.

Historischer Abriss

Mathematik wird an der Universität Heidelberg seit ihrer Gründung gelehrt. Arithmetik und Geometrie wurden als Fächer der artes liberales am Anfang fachfremd unterrichtet, so von dem berühmten Kosmographen Sebastian Münster (1488-1552), den Heidelberg durch einen Brunnen auf dem Karlsplatz geehrt hat und dessen Porträt auf jedem Hundert-D-Markschein zu sehen war. Sebastian Münster hatte einen Lehrstuhl für Hebraistik inne, der allerdings schlecht dotiert war, so dass er nach nur dreijähriger Lehrtätigkeit im Jahre 1527 einen Ruf nach Basel annahm. Der erste Lehrstuhl für Mathematik wurde 1547 eingerichtet und mit dem Arzt Jakob Curio (1497-1572) besetzt.

Blütezeiten

Eine frühe Blütezeit in der Heidelberger Mathematik gab es um die Wende des 16. zum 17. Jahrhunderts, als der Hofprediger Bartholomäus Pitiscus zusammen mit dem Astronomen Valentin Otho und dem Professor für Logik, Arabisch und Hebräisch Jacob Christmann für die Astronomie und Nautik unverzichtbare trigonometrische Tafeln erstellten. Der Begriff "Trigonometrie" stammt von Pitiscus.


Leo Königsberger (Bronzerelief)
Eine weitere bemerkenswerte Blütezeit gab es in der Zeit von 1850 bis 1920, die mit den folgenden Namen verbunden ist: Ludwig Otto Hesse (1811-1874, von 1856-1868 in Heidelberg) ist bekannt durch die Hesse Matrix und die Hessesche Normalform, Immanuel Lazarus Fuchs (1833-1902, von 1875-1884 in Heidelberg), Leo Königsberger (1837-1921, von 1889-1875 und erneut von 1884 bis zum Jahr seiner Emeritierung 1914 in Heidelberg) - siehe Kasten -, einem Schüler von Weierstrass und Biographen von Helmholtz, Moritz Benedikt Cantor (1829-1920, von 1863-1913 Professor in Heidelberg), der bedeutenste Mathematikhistoriker des 19. Jahrhunderts, Paul Gustav Stäckel (1862-1919, von 1913-1918 an der Universität Heidelberg), Oskar Perron (1880-1975, von 1914-1922 in Heidelberg).

Hesse, Fuchs und Königsberger haben es verstanden eine große Schar hochbegabter Studierender um sich zu versammeln, von denen nicht wenige später sehr berühmt wurden, z. B. Paul du Bois-Reymond, Jakob Steiner, Jacob Lüroth, Heinrich Weber, Max Noether (der Vater von Emmy Noether), Alfred Pringsheim, Ludwig Boltzmann. Auch einer der bedeutendsten deutschen Mathematiker, David Hilbert (1862-1943), studierte ein Semester (1881) in Heidelberg. Ebenfalls die als erste Frau in Europa zur Professorin berufene Sofja Kowalewskaja (1850-1891) hat 1869/70 in Heidelberg studiert. Wie Leo Königsberger in seiner Autobiographie "Mein Leben" berichtet, musste für ihre Zulassung unter anderem die Begründung herhalten, man könne "einer so schönen Dame doch nichts abschlagen". Daraufhin wurden zwei Mitglieder der Fakultät beauftragt, "ihren Lebenswandel zu kontrollieren." Dass sie zum Studium zugelassen wurde, galt für damalige Verhältnisse als echte Sensation! - Mathematik war bis dato ein typisch männliches Fach.

Dunkle Zeiten: 1914-1945


Heinrich Liebmann (Gemälde)
Als Oskar Perron 1914 die Nachfolger von Leo Königsberger antrat, wurde er gleich darauf zum Kriegsdienst eingezogen. 1922 nahm er einen Ruf nach München an. Königsberger hatte für die Mathematik einen weiteren Lehrstuhl durchsetzen können, der mit Paul Gustav Stäckel besetzt wurde, der aber bereits 1919 verstarb. Nachfolger von Stäckel wurde 1920 der angesehene Geometer Heinrich Liebmann (1874-1939), der andere Lehrstuhl war von 1921-1930 unbesetzt. Dann erhielt ihn 1930 Artur Rosenthal (1887-1959), der in den neun Jahren zuvor schon planmäßiger außerordentlicher Professor in Heidelberg war. Liebmann und Rosenthal wurden jedoch wegen ihrer jüdischen Herkunft 1935 vom damaligen Nationalsozialistischen Regime gezwungen, sich vorzeitig emeritieren zu lassen. Durch ein Telegramm aus dem Reichserziehungsministerium in Berlin wurde im November 1935 der damals 28-jährige Privatdozent Herbert Seifert binnen einer Frist von zwei Tagen von Dresden nach Heidelberg beordert, um die Vertretung eines der beiden Lehrstühle zu übernehmen. Er fand ein bis auf einen Privatdozenten völlig verwaistes Institut vor. Obwohl er nach einigen Monaten den Ruf erhielt, verzögerte sich seine Ernennung zum Ordinarius aber bis 1937, weil ihm mangelndes Engagement im Sinne der herrschenden Partei unterstellt wurde. Auf den zweiten Lehrstuhl wurde 1936 als Nachfolger von Rosenthal der dem Regime genehmere Udo Wegner berufen, der dann 1945 wegen politischer Belastung entlassen wurde. Zum 1. Juni 1939, also kurz vor Beginn des zweiten Weltkrieges, nahm Hans Maaß eine Stelle als wissenschaftlicher Assistent am Mathematischen Institut an. Maaß habilitierte sich im März 1940. Da Seifert während des Krieges zur Luftfahrtbundesanstalt abgeordnet war, bestand die wesentliche Stütze des Lehrbetriebs bis kurz vor Ende des Krieges in Maaß, bis dieser schließlich auch noch zum Kriegsdienst eingezogen wurde. Maaß konnte im Wintersemester 1945/46 seine Lehrtätigkeit wieder aufnehmen. Er wurde 1948 auf Vorschlag von Seifert und William Threlfall zum außerplanmäßigen Extraordinarius ernannt. Nach Ablehnung eines Rufes nach Göttingen wurde Maaß am 12. Juni 1958 zum ordentlichen Professor ernannt.

 

Der Ausbau ab 1945

Die Entwicklung des Mathematischen Instituts nach dem zweiten Weltkrieg wurde nachhaltig beeinflusst durch die Professoren Maaß, Seifert, Threlfall, F.K. Schmidt. Von Maaß stammen bahnbrechende Arbeiten auf dem Gebiet der Automorphen Funktionen. Seifert und Threlfall haben den weltweiten Ruf Heidelbergs als Zentrum der Topologie begründet. F.K. Schmidt hat hier eine arithmetisch-algebraische Schule etabliert. Aus der Fortführung der damals bestehenden Arbeitsgebiete entwickelten sich die späteren traditionellen Heidelberger Schwerpunkte der Reinen Mathematik mit den mathematischen Bereichen Algebra, Analysis, Funktionentheorie, Geometrie, Topologie und Zahlentheorie und einem Profil, das bis heute wissenschaftlich deutlich wahrgenommen wird.

Ein wichtiger historischer Meilenstein in der Entwicklung der jetzigen Fakultät war die Gründung des Instituts für Angewandte Mathematik im Jahre 1957, verbunden mit der Berufung von Gottfried Köthe auf ein neu geschaffenes Ordinariat. In den darauf folgenden Jahre kam es zu einem starken personellen Ausbau des Mathematischen Instituts und des Instituts für Angewandte Mathematik. Wichtige und richtungsweisende Neuberufungen in dieser Ausbauphase, mit prägender Wirkung für die spätere Entwicklung, waren die Berufungen der Kollegen Albrecht Dold, Dieter Puppe, Willi Jäger, Werner Romberg und Peter Roquette in den Jahren 1963-1974.

Im Institut für Angewandte Mathematik entwickelten sich zu dieser Zeit sehr rasch Schwerpunkte in den Bereichen Angewandte Analysis, Numerik und Optimierung sowie in der Statistik. Diese Entwicklung mündete ein in die Gründung eines Interdisziplinären Zentrums für Wissenschaftliches Rechnen (IWR) im Jahr 1987. Das IWR - zwar selbst nicht Teil der Fakultät - war ein Novum für die damalige Zeit mit erheblicher Ausstrahlung, und ermöglichte es der Heidelberger Mathematik eine Vielzahl ihrer Arbeitsgebiete in interdisziplinäre Forschung und Lehre einzubinden. Speziell in diesem Rahmen bietet die Fakultät einen Studiengang "Scientific Computing" an. Wichtige Kooperationspartner des IWR und der Fakultät sind traditionell vor allem die Heidelberger Fakultäten für Biologie, Chemie und Physik sowie außeruniversitäre Forschungseinrichtungen etwa der Industrie. In letzter Zeit erfolgt allerdings auch verstärkt eine Zusammenarbeit mit geisteswissenschaftlichen Disziplinen.

Entwicklungen der letzten Jahre

Ein wichtiger und weitreichender Entwicklungsschritt der Fakultät war die Gründung des Instituts für Informatik im Jahr 2002. Ein erster bescheidener Nukleus dazu war bereits gelegt durch das vorhandene Fachgebiet Mathematische Logik, welches zuerst ab 1962 durch eine Dozentur und dann seit 1972 durch ein Ordinariat in Heidelberg vertreten war. Im Zuge der Einrichtung des Instituts für Informatik erfolgte im Jahre 2002 die Umbenennung der "Fakultät für Mathematik" in "Fakultät für Mathematik und Informatik", ein folgerichtiger Schritt im Zuge der Anpassung der Ausbildungsgänge und der mathematischen Forschung an die neuen Entwicklungen. Das rasche Wachstum in diesem Bereich, der sich in Heidelberg durch seine besonders starke Anwendungsorientierung und Interdisziplinarität auszeichnet, erfolgte im Zuge der Neuorientierung der Fakultät zum Teil durch Umwidmungen von Stellen. Das dynamische Wachstum wurde zusätzlich verstärkt durch die Eingliederung der Mannheimer Technischen Informatik in die Universität Heidelberg im Jahr 2007. An der Fakultät gibt es derzeit (Stand SS 2016) 35 Professorinnen- und Professorenstellen, 21 davon im Bereich der Mathematik und 14 im Bereich der Informatik.


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Letzte Änderung: 27.03.2017 - 11:28:32
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